Die nächste Stolpersteinverlegung findet am

24. und 25. Oktober 2016

statt

 

 

Verlegeplan für den 24.10.2016

Verlegeplan für den 25.10.2016

 

 

 

Rückblick:

Die Stolpersteinverlegung vom 18. März 2016

 

 

Die diesjährige Stolpersteinverlegung unterschied sich von den vorhergegangenen zehn Aktionen zur Erinnerung an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Verlegt wurden ausschließlich Stolpersteine, die an die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasiemorde erinnern. Aus Karlsruhe fielen etwa 450 behinderte und psychisch kranke Menschen diesen Morden zum Opfer. Dies ist, was immer noch zu wenig bekannt ist, die nach den Juden größte Zahl von NS-Opfern in der Stadt. 

 

 

 

Eingebettet war diese Stolpersteinverlegung in eine Veranstaltungsreihe zur Erinnerung und zum Gedenken an die Euthanasieopfer. Veranstaltet wurde sie gemeinsam von der Koordinierungsgruppe Stolpersteine des Fördervereins Karlsruher Stadtgeschichte e. V., der Lebenshilfe Karlsruhe, Ettlingen und Umgebung e.V., dem evangelischen Dekanat Karlsruhe, dem katholischen Dekanat Karlsruhe, dem Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. und dem Stadtarchiv Karlsruhe:

 

 

 

·         2015 fand ein Besuch im Museums der früheren Heil- und Pflegeanstalt Illenau statt, wo in einem besonderen Raum auf kleinen Tafeln auch die Namen von Karlsruherinnen und Karlsruhern zu lesen waren, die von der Illenau aus zur Tötung abtransportiert wurden;

 

·         Am 1. März 2016 hielt der Zeithistoriker und Publizist Prof. Dr. Götz Aly einen Vortrag zu dem Thema, in dem Prof. Aly unter anderem dazu aufforderte, die lange auch in den Familien verschwiegenen Schicksale der Opfer aufzuarbeiten (siehe dazu unten den Beitrag von Andrea Sauermost und Mathias Tröndle im „Blick in die Geschichte“ vom 18. März 2016).

 

·         Am 5. März 2016 fand auf dem Hauptfriedhof auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie die Enthüllung einer Stele zur Erinnerung an die Euthanasieopfer auf dem dort gelegenen anonymen Gräberfeld statt. Dabei konnte ein Sprecher der Koordinierungsgruppe Stolpersteine die Steine als Teil der Karlsruher Erinnerungskultur vorstellen und auf die bevorstehende Verlegung aufmerksam machen.

 

·         Am 18. März 2016 verlegte Gunter Demnig 15 Stolpersteine für Karlsruher Euthanasieopfer (siehe dazu unten den erweiterten Bericht von Rüdiger Homberg aus der Stadtzeitung vom 24. April 2016 und den Bericht in Lebenshilfe aktuell, Ausgabe 01 /2016).

 

·         Zum Abschluss des Gedenkens fand in der Kleinen Kirche ein ökumenischer Gottesdienst zu Ehren der Opfer statt, gefeiert von Pfarrer Ulrich Schadt und dem stellvertretenden Dekan des katholischen Dekanats Erhard Bechtold.

 

 

 

Bemerkenswert an der diesjährigen Verlegung war auch die Zahl der Institutionen und Organisationen, die sich daran beteiligt haben. So haben neben Geistlichen beider Kirchen auch Schülerinnen des St. Dominikus-Gymnasiums, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der 

 

des Vereins Lebenshilfe sowie der Hagsfelder Werkstätten Karlsruhe das vorliegende biografische Material aufbereitet und zum Gedenken bei der Verlegung vorgetragen. Die Verlegung selbst hat Rudi Poß mit Unterstützung der Martin-Niemöller-Stiftung in einem kleinen Fotobuch dokumentiert, das im Stadtarchiv eingesehen werden kann.

 

   


 

 

Blick in die Geschichte Nr. 110 vom 18. März 2016

 

Aus den Kranken­ak­ten von Karls­ru­her Eutha­na­­sie­op­­fern

 

Den Ermordeten Geschichte und Würde zurück­ge­ben

 

von Andrea Sauermost und Mathias Tröndle

Auf dem Haupt­frie­d­hof erinnert neben dem "Tor des Schmerzes" und dem Mahnmal jetzt auch eine Infotafel an das Schicksal der Eutha­na­­sie­op­­fer. Und vier der für Opfer des Natio­nal­­so­­zia­­lis­mus vor deren letztem Wohnsitz verlegten Stolper­­steine bringen seit einigen Jahren Namen und Schick­­sals­da­ten von zwischen 1939 und 1945 ermordeten Karls­ru­he­rin­­nen und Karls­ru­hern mit geistiger Behin­­de­rung oder psychi­­scher Erkran­kung zurück ins Gedächtnis der Stadt. Auf Initiative des Förder­ver­­eins Stadt­­­ge­­schichte mit der Karls­ru­her Lebens­hilfe, der Evange­­li­­schen und Katho­­li­­schen Kirche sowie des Vereins "Gegen Vergessen - für Demokra­tie" erweitert der Künstler Gunter Demnig am 18. März sein dezen­tra­les Flächen­denk­­mal in Karlsruhe um 15 Stolper­­steine. Die gelten allesamt aus Karlsruhe stammenden Opfern der Euthanasie.

"Entlas­sen" war das Todes­ur­­teil

Recherchen in Kranken­ak­ten von psych­ia­tri­­schen Anstalten im Bunde­sar­chiv in Berlin und in Polizei­ak­ten im Karlsruher Stadt­­ar­chiv brachten ein wenig Licht in das bisher verschwie­­gene Schicksal dieser Opfer. Etwa in das von Bertha Fritz, die vor ihrer Einweisung in die Kreis­pfle­­gean­­stalt Hub im Mai 1938 in der Schüt­zen­straße 37 gemeldet war. "Idiotie bei rachi­ti­­schem Zwergen­wuchs" lautete die Diagnose im damaligen Jargon der Psych­ia­trie. Die bei ihrer Aufnahme in die Hub nur 113 Zentimeter große und 30 Kilogramm schwere, 29-jährige Frau sei stark verkrüp­pelt, wisse sich aber "verständ­lich zu machen" und habe "einen zutrau­­li­chen und gutmütigen Charakter". Als Grund für die Unter­­brin­­gung geben die Akten an, "Bertele" könne sich nicht selbst ernähren und sei bei ihrem Vater, einem "vertrot­tel­ten Alkoho­­li­ker", in Gefahr. Ihren Unterhalt bettelte sich Bertha in Markt­hal­len und Wirtschaf­ten zusammen. Sie blieb zwei Jahre lang in der Hub. Ihre Kranken­akte schließt am 19. Juni 1940 mit einem lapidaren "Entlas­sen". Dieser Vermerk war das Todes­ur­­teil. Sie wurde wenig später in Grafeneck vergast.

Wie Sophie Hahn, die am 17. Juni 1940 in der Tötungs­­an­­stalt Grafeneck umgebracht wurde. Akten des Karlsruher Polizei­prä­si­di­ums berichten, dass die in der Humbold­­straße 28 lebende Konto­ris­tin den Straßen­ver­kehr "aufgrund von Falsch­fah­ren und Angaben falscher Perso­na­­lien" gefährdet habe. Sophie Hahn litt unter Verfol­­gungs­­­wahn, war mehrfach in der Badischen Heil- und Pflegean­­stalt Illenau und wurde 1932 entmündigt. 1935 wurde sie nach dem Gesetz zur Verhütung erbkran­ken Nachwuch­­ses zwangs­s­te­ri­­li­­siert, 1936 wieder in die Illenau einge­wie­­sen und 1938 in die Heil- und Pflegean­­stalt Konstanz verlegt. Am 17. Juni 1940 wurde Sophie Hahn ebenfalls in Grafeneck ermordet.

Hannelore Helmle wurde nur zwölf Jahre alt. Sie war eine Frühgeburt, entwi­­ckelte sich zögerlich, litt an Krämpfen, Lungen­ent­zün­dung und Gelbsucht. Eine Schule besuchte sie wegen "Bildungs­­­un­fä­hig­keit" nie. Am 20. August 1938 wurde sie als Zehnjäh­rige vom Elternhaus im Rüppurrer Ligus­ter­­weg 1 in die Erziehungs- und Pflegean­­stalt Mosbach gebracht. Die Kranken­ak­ten sprechen von "unheil­­ba­­rer Idiotie", "motori­­scher Dauerun­ruhe" und "chroni­­schem Zerstö­rungs­­trieb". Am 17. September 1940 wurde sie nach Grafeneck deportiert.

Jeder Achte mit Eutha­na­­sie­op­­fer verwandt

Das Schicksal dieser drei Ermordeten steht für das von über 450 Karls­ru­he­rin­­nen und Karls­ru­hern, die wegen ihrer Behin­­de­rung oder psychi­­schen Erkrankung zwischen 1939 und 1945 von den Natio­nal­­so­­zia­­lis­ten umgebracht wurden. In der NS-Ideologie waren Menschen mit geistiger Behin­­de­rung oder psychi­­scher Erkran­kung "Ballas­te­xis­ten­­zen", lagen der Volks­­­wir­t­­schaft unnötig auf der Tasche, mussten weg. Allein bei der Aktion "T4" töteten die Natio­nal­­so­­zia­­lis­ten von 1940 bis 1941 mehr als 70.000 Patienten aus Heil- und Pflegean­­stal­ten im gesamten Deutschen Reich durch Gas. Zu den sechs Tötungs­­an­­stal­ten gehörte Grafeneck auf der Schwä­bi­schen Alb. Dort fanden 10.650 Menschen ihren grausamen Tod. Diese Opfer des Natio­nal­­so­­zia­­lis­mus stammten allesamt aus der Mitte der Gesell­­schaft - den deutschen Familien - und sind dennoch bis heute weitge­hend vergessen oder verschwie­­gen. Nach dem Zeithis­to­ri­ker und Publi­­zis­ten Götz Aly ist jeder achte Erwachsene in Deutsch­­land in direkter Linie mit einem Menschen verwandt, der der Euthanasie zum Opfer fiel. Doch dessen Geschichte laste in der Familie, so Aly, als "ein mit Scham besetztes Geheimnis, über das man besser nicht spricht".

Den Boden für die Ermordung "leben­­sun­wer­ten Lebens", bereiteten rassen­hy­­gie­­ni­­sche Diskus­­sio­­nen, die bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­­derts in Europa geführt wurden und mit liberal- sozia­­lis­ti­­schen Überle­­gun­­gen zu selbst­­be­­stim­m­tem Sterben in den 1920er-Jahren angerei­chert wurden. Feder­füh­rend waren hier damalige Refor­m­­psy­ch­ia­ter, die der Überzeu­gung waren, dass man, um sich angemessen den heilbaren Kranken widmen zu können, die Unheil­­ba­ren beseitigen müsse. Hitler selbst leiteten bei der Planung der Eutha­na­­sie­­morde weniger erbhy­­gie­­ni­­sche als wirtschaft­­li­che Gründe.

Scham und wirtschaft­­li­che Not

Eine wichtige Frage auf dem Erhebungs­­­bo­­gen, den die Natio­nal­­so­­zia­­lis­ten 1939 an Anstalten und Kliniken zur Erfassung der zu Tötenden sandten, betraf den Kontakt der Kranken und Behin­­der­ten zu ihren Angehö­ri­gen. Die Natio­nal­­so­­zia­­lis­ten wollten wissen, wie oft und von wem die Betrof­­fe­­nen Besuch erhielten. Je enger der Kontakt zur Familie, umso unwahr­­schein­­li­cher war es, dass diese Patienten Opfer der Gaskammer wurden. Denn bei der Aktion "T4" - benannt nach der in der Tiergar­ten­­straße 4 in Berlin unter­­ge­­brach­te Bürozen­trale für die Leitung der Ermordung behin­­der­ter Menschen im Deutschen Reich - galt es, Verdacht oder gar Widerstand aus den Familien der Opfer erst gar nicht aufkommen zu lassen. Dies gelang in den meisten Fällen. Ein Grund dafür war, dass die Opfer ausschließ­lich aus Heil- und Pflegean­­stal­ten in die Gaskammern depor­tiert wurden. Die wenigen, die in ihren Familien lebten, blieben verschont. Von den Anstalts­in­­sas­­sen, die Opfer der Euthanasie wurden, hatten laut Aly nur 19 Prozent Kontakt zu ihrer Familie. Entschei­­dend für das Ausbleiben von Protest aber war letztlich die Lebens­­si­tua­tion in den Familien selbst: Ein behin­­der­tes Kind war nicht nur mit Scham, sondern auch mit wirtschaft­­li­chen Einbußen verknüpft: Eine "erbkran­ke" Familie erhielt vom Staat keinerlei Hilfen, Kindergeld wurde gestrichen. Bereits 1920 gaben 73 Prozent der Eltern bei einer Befragung durch die sächsische Landes­­pfle­­gean­­stalt an, in die "schmerz­lose Abkürzung des Lebens ihre Kinder" einzu­wil­­li­­gen.

Dieses in der Gesell­­schaft verbrei­tete Gedan­ken­­gut nutzten die Natio­nal­­so­­zia­­lis­ten im Rahmen der Aktion T4 für ihre diabo­­li­­sche Maschi­­ne­rie. Nach Erfassung der "unheilbar Kranken" wurden diese syste­­ma­tisch aus den Kliniken in Tötungs­­an­­stal­ten wie Grafeneck deportiert. In grauen Bussen kamen dort täglich Dutzende Kinder, Frauen und Männer mit Behin­­de­rung an, wurden noch am selben Tag vergast. Die Angehö­ri­gen erhielten später die Urne mit der Asche der Ermordeten und ein Anschrei­­ben über die angebliche Todes­ur­sa­che, die von Lungen­ent­zün­dung bis Tuber­­ku­lose reichte. Nur 500 bis 600 Depor­tierte wurden kurz vor der Gaskammer vor ihrem gewal­t­sa­­men Tod bewahrt, weil misstrau­isch gewordene Angehörige nach ihnen gefragt hatten.

Schicksale in Familien aufar­­bei­ten

Im Sommer 1941 stoppte die Aktion T4 auf einen Schlag. Aus zwei Gründen: Zum einen hatte der Münste­ra­ner Bischof Clemens August Graf von Galen in Predigten die Gläubigen mit dem durch­­­ge­­si­cker­ten Grauen konfron­tiert. Zum anderen hatten die Natio­nal­­so­­zia­­lis­ten den Testlauf für den Massenmord durch Gas abgeschlos­­sen, der später in den Vernich­tungs­­la­­gern im Osten Millionen Menschen das Leben kostete. Die Ermordung chronisch Kranker und Behin­­der­ter ging jetzt in den Anstalten weiter. Bis 1945 starben 130.000 Insassen an Hunger, Unter­küh­lung oder Überme­­di­­ka­­men­tie­rung.

Erst Jahrzehnte später begann in Deutsch­­land die Aufar­­bei­tung der Gräuel­ta­ten. Gedenk­stät­ten entstan­den an den Orten der Tötungs­­an­­stal­ten, 2014 wurde das Denkmal für die Eutha­na­­sie­op­­fer an der Berliner Tiergar­ten­­straße 4 eröffnet. Auf Friedhöfen erinnern Mahnmale an die Opfer, Stolper­­steine in den Straßen der Städte. Damit und vor allem mit der Aufar­­bei­tung der Schicksale in den Familien kann es gelingen, diesen Menschen ihre Geschichte, ihre Würde zurück­zu­ge­ben, sie wieder auf ihren angestam­m­ten Platz in der Mitte der Gesell­­schaft zu holen.

 

Andrea Sauermost, Verein Lebens­hilfe Karlsruhe, Ettlingen und Umgebung e. V.

 

Mathias Tröndle, Historiker, Redakteur

 

 

Abb.

Dem Vergessen entreißen: Auf dem Ehrenfeld B2 des Hauptfriedhofs informiert jetzt eine Tafel über das Schicksal der Euthanasieopfer. Foto: Fränkle

Abb.

 

Zeichen: Der Stolperstein vor dem Haus in der Werderstraße 91 erinnert an das Karlsruher Euthanasieopfer Hedwig Kühn. Foto: Fränkle

 

Stadtzeitung vom 24. März 2016

 

 

 

Stolpersteine für Euthanasie-Ermordete

 

„Lebensunwertes Leben“ vernichtet

 

Ehrung für 15 weitere Nazi-Opfer

 

Jetzt in Karlsruhe 269 Mal Verneigen möglich                       

 

 

 

von Rüdiger Homberg          

 

 

 

Sophie Hahn und Albert Glatt sind zwei von 15 Euthanasie-Opfern, an die seit vorigem Freitag vor ihren letzten Karlsruher Wohnorten Stolpersteine erinnern. In der „Aktion T4“ haben die Nationalsozialisten Tausende psychisch oder geistig kranke Menschen ermordet, weil ihr Leben „unwert“ und sie „unnütze Esser“ waren. Alleine in Karlsruhe sind dieser Mordaktion mehr als 400 Menschen zum Opfer gefallen, zumeist in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb und im hessischen Hadamar vergast. Der Kölner Künstler Gunter Demnig war ein gutes Dutzend Mal in Karlsruhe, um Stolpersteine für von den Nazis Ermordete zu verlegen. So erinnern jetzt 262 Steine an die Opfer und man kann sich im Vorbeigehen vor ihnen verneigen. Insgesamt hat Demnig inzwischen in rund 20 Ländern etwa 56.000 Stolpersteine verlegt, um die ermordeten dem Vergessen zu entreißen.

 

Die Verlegeaktion letzte Woche aber war eine ganz besondere. Denn sie galt einer Gruppe von Betroffenen, die an einem verschwiegenen und verdrängten Schicksal litten. Dies sagte der Geschäftsführer des Fördervereins für Stadtgeschichte, Dr. Manfred Koch, in der Humboldtstraße, wo Sophie Hahn und ihre Familie gewohnt hatten. Die Koordinationsgruppe in dem Förderverein veranstaltet die Karlsruher Stolperstein-Verlegungen. Besonders war die Verlegeaktion auch, weil die Koordinationsgruppe diesmal Kooperationspartner gefunden hatte. Beteiligt waren die katholische und die evangelische Kirche mit ihren Dekanaten sowie die Lebenshilfe Karlsruhe-Ettlingen, dazu auch die Gruppe Karlsruhe des Vereins „Gegen Vergessen – für Demokratie“. Koch erwähnte etwa auch, dass immerhin sechs Geistliche in den Verlauf des Tages eingebunden waren. Die Biografien von Sophie Hahn und Albert Glatt verlasen die Pfarrer Ulrike Krumm und Dirk Keller an den jeweiligen Verlegeorten. Auch der evangelische Dekan Dr. Thomas Schalla würdigte ein Opfer, Landesbischof Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh wohnte einer Verlegung nahe seiner Wohnung bei. Der stellvertretende katholische Stadtdekan Erhard Bechtold und Pfarrer Ulrich Schadt hielten zum Abschluss des Tages am späten Nachmittag in der Kleinen Kirche am Marktplatz einen ökumenischen Gottesdienst. Der Pate des für Heinrich Bolz in der Cäciliastraße verlegten Steins verlas zu dessen Ehre ein Gedicht von Erich Fried, in dem es unter anderem heißt, „Wo noch Lügen liegen wie unbegrabene Leichen, dort ist der Weg der Wahrheit nicht leicht zu erkennen und einige sträuben sich noch oder finden ihn gefährlich.“ Diesen Weg zu bahnen – und auch Anwohner davon zu überzeugen, dass das Haus mit dem Stolperstein keinen Schadfleck bekommen hat, sondern den Entehrten die ihnen gebührende Ehre zurückzugeben – ist eine der vornehmsten Aufgaben der Verlegungen und der Gruppen, die diese Verlegungen organisieren.

 

Sophie Hahn und Albert Glatt starben im Sommer 1940 in Grafeneck, nachdem sie ein wahres Martyrium in verschiedenen „Heil- und Pflegeanstalten“ durchgemacht hatten. Ein solches oder ähnliches Schicksal haben sie mit allen anderen Geehrten gemeinsam. Die Namen und Lebensdaten mit Geburtstag, letzter Karlsruher Wohnung, Ort der Ermordungen – 14 in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, ein Opfer starb im hessischen  Hadamar - von allen 15 wurden beim abschließenden Gottesdienst verlesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lebenshilfe aktuell, Ausgabe 01 / 2016

 

 

 

Erinnerung an die Karlsruher Opfer der Euthanasie

 

Karlsruher Lebenshilfe stiftet fünf Stolpersteine

 

 

 

Von 1933 bis 1945 haben in Deutschland die Nazis regiert. Die Nazis konnten damals bestimmen, was in Deutschland gemacht wurde. Sie haben bestimmt, dass Menschen mit einer Behinderung oder seelischen Krankheit  getötet werden sollen. Weil sie nicht arbeiten. Und weil der Staat Wohnheime für die bezahlen muss.. Deshalb haben die Nazis viele tausend Menschen mit Behinderung ermordet. Sie sagten dazu: „Euthanasie“.  Das heißt: Schöner Tod. Auch 450 behinderte und seelisch kranke Menschen aus Karlsruhe wurden von den Nazis  umgebracht. Wir nennen sie Opfer. Am 18. März wurden in Karlsruhe Stolper-Steine für 15 Opfer aus Karlsruhe verlegt. Auf den Steinen stehen der Name der Opfer, ihr Geburts-Tag und das Datum, an dem sie ermordet wurden. Die Steine liegen vor dem Haus, in dem die Opfer gelebt haben. Die Lebens-Hilfe hat davon fünf Steine gespendet.

 

 

 

Heinz Bickel wurde nur 14 Jahre alt. Nachdem er mit zwei Jahren an einer Gehirnentzündung erkrankt war, galt er fortan als geistesschwach und kam bereits mit vier Jahren in die Erziehungs- und Pflegeanstalt für Geistesschwache nach Mosbach. Am 12. September 1940 ermordeten ihn die Nationalsozialisten in Grafeneck.

 

Heinz Bickel ist einer von 450 Karlsruhern, die von den Nationalsozialisten im Rahmen des Euthanasieprogramms umgebracht wurden, die meisten in der Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Für ihn liegt nun ein Stolperstein vor seinem Elternhaus in der Steubenstraße 3.

 

Der Kölner Künstler Gunther Demnig hatte am 18. März im Auftrag der Karlsruher Lebenshilfe, der Koordinierungsgruppe Stolpersteine sowie der Evangelischen und der Katholischen Kirche Karlsruhe Stolpersteine für 15 Karlsruher Opfer der Euthanasie im gesamten Stadtgebiet verlegt. An der Verlegung beteiligten sich neben Pfarrer*innen und  Schüleri*innen auch Vertreter*innen der Lebenshilfe. So erinnerten Nicole Mallard und Sandra Schmieder, die gemeinsam mit drei Studenten in einer von der HWK betreuten WG in der Nähe der Steubenstraße wohnen, an das Schicksal von Horst Bickel (siehe Foto auf der Titelseite). Und Anton Gramlich, der im HWK-Wohnheim in der Oststadt lebt, verlas die biografischen Daten von Mathilde Koger, für die ein Stolperstein in der Gerwigstraße 35 verlegt wurde.

 

„Wir wollen mit diesen Stolpersteinen an das grausame Schicksal von Menschen mit Behinderung im Dritten Reich erinnern, die umgebracht wurden, weil ihr Leben als lebensunwert galt“, begründete Dr. Lothar Werner das Engagement der Lebenshilfe für die Aktion Stolpersteine. „Mit den Stolpersteinen, vor allem aber mit der Aufarbeitung der Schicksale in den Familien können wir diesen Menschen  ihre Würde zurückgeben und sie wieder auf ihren angestammten Platz in der Mitte der Gesellschaft holen.“

 

 

 

 

 

Stolpersteine in der Beiertheimer Allee 26

Hier wohnten bis zu ihrer Deportation am 22. Oktober 1940 die Eheleute Emil und Emilie Behr.

An sie erinnern seit dem 20. August 2007 diese Gedenksteine.

Für Informationen zur Geschichte des Projektes "Stolpersteine" folgen Sie bitte nachfolgendem Link auf die Seite des Künstlers:  Stolpersteine